Marokkanische Träume

Es ist Frühling, oder ist es schon Sommer? Jedenfalls ist es ein Tag ohne Wirklichkeit. Was soll schon geschehen, in flirrender Hitze vor und hinter den Wolken. Auf dem Balkon des Hotels in der Kasbah liegen ungezählte Blattreste von Zitrusbäumen, die ihren weiten Weg zwar angetreten hatten, dann jedoch durch windige Umstände hier gelandet sind.

Vor ein paar Wochen waren diese Früchte noch Blüten, die Gewächshäuser mit ihren Tomatenpflanzen trugen die Tarnkappe der Unfehlbarkeit, träumten aber schon die Wünsche von illusionären Hoffnungen. Alles hat sich verändert, aus Blüten werden Früchte und aus Leben wiederum rostbraunes Blut. Gibt es noch Menschen, die Opfer zählen und auf vielen Doppelseiten der Gazetten ihre Statistiken der Umwelt zur Ansicht bieten?

Woraus entsteht der hasserfüllte Blick auf den Nachbarn, auf dessen Kinder und den dadurch erworbenen Anspruch auf effektivste Einnahmen? In der Kasbah ist das Leben zu Hause, sagt man. In der Kasbah ist aber auch der unausweichliche Tod daheim.

Auf Orientteppichen lag schon immer der Geruch von Kinderarbeit. Sollte es heute anders sein? Wer zählt schon die Namen der Hände, die Millionen Knoten in Banknoten und Kontostände verwandeln?
In der Nachbarschaft entstand stets der ursprüngliche Grund für Zwistigkeiten. Die Miniaturpolitik im Verhältnis zum Nächsten ist die Basis der Politik eines Landes zu seinen Angrenzern. Missgunst, Neid und auch Angst erscheinen überall - auch in der Natur - als Folgeerscheinung des Lebens. Oft sind sie dann die Auswirkung zum Beginn eines Krieges!
Solch ein Krieg ist ja nicht eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln, wie Clausewitz es als These ansah. Genau so könnte man behaupten, mein totes Blatt auf dem Balkon wäre die Fortsetzung der Natur in einer anderen Sphäre. Das ist eine Fehlinterpretation. 

        Die jungen Menschen, die im Orient Früchte für andere Menschen in Europa züchten, pflegen und ernten, wollen Teil des Ganzen sein. Sie möchten teilhaben an den Errungenschaften der Welt und nicht in den Wellblechhütten am Stadtrand ihr Dasein fristen, um für die Besitzenden nur die Hilfskräfte zu sein. Sie machen sich auf den Weg in die Gefilde, von denen ihnen immer erzählt wird. Auf vielen verschlungenen Wegen versuchen sie, die Gegenden zu erreichen, die ihnen immer als Wunschziel vor Augen geführt wurde. 
Manche schaffen es, viele nicht. Diese Menschen landen dann wieder irgendwann auf den Plantagen, in ihren Dörfern und den armseligen Hütten. Einige haben an Erfahrung gewonnen, viele von ihnen werden es wieder versuchen.

Die Menschen aber, die es geschafft haben, machen auch eine Erfahrung! Sie werden recht schnell vertraut mit der Tatsache, dass auch in der Fremde das Glück nicht auf der Straße liegt! Und sie kommen zu der Erkenntnis, dass sie im ersehnten Ausland nicht erwünscht sind, dass niemand sie will, weil sie ihr eigenes Verständnis vom Leben mitbringen - und ihre eigene Religion! Und so geschieht es, dass sie nie dort ankommen, wohin sie ursprünglich wollten: Auf die Inseln der Glückseligen und die Gärten der Hesperiden!
Stattdessen sind sie über kurz oder lang wieder auf den Bazaren ihrer Kasbah zu Hause und träumen weiter vom Leben, das es für sie nicht gibt. Wir als Mitteleuropäer besuchen gern die Länder des Orients. Es schien stets, als seien dies die Länder des Glücks. Welch ein Widersinn in allen Erfahrungen der Zeit. 
Aber es war schon immer und überall auf der Welt so: 
Auf der Weide nebenan ist das Gras viel, viel grüner!