Ende eines Anfangs

Kennst du mich noch? Nicht wahr, du kennst mich.
Komm doch näher. 
Noch näher. Warum kommst du nicht näher? 
Hast du Furcht vor zu viel Nähe? Musst du nicht haben. Ich bin ungefährlich, das solltest du noch wissen.
Nein, ich war kein Opfer, in diese Rolle passte ich auch nicht hinein. Und Täter schon gar nicht. Was also blieb von alledem? Nur Bitterkeit.
Warum flüsterst du, darf das niemand hören?
Sprich doch lauter, damit ich dich sehen kann. Ich kenne dein Gesicht nicht mehr, es liegt auf dem Abfallhaufen meiner Vergangenheit.
Warum? das fragst du? Du hast immer noch das alte Schubladendenken im Kopf.

        Verzeihen? Du? Mir? Verwechselst du da nicht Objekt mit Subjekt? Meinst du, all das wäre wie Wasser von mir abgeperlt,  einmal schütteln und alles ist Vergangenheit? Du irrst. Ich brauchte Jahre, um zu vergessen; du kommst und bringst mit drei Worten meine Welt wieder ins Ungleichgewicht. Macht dir das Freude? Asche ist nun mal keine Farbe, es ist ein Zustand, das weißt du genau so gut wie ich. Um das zu erfahren, waren Schmerzen und Leiden nötig. Und warum sollte ich heute darüber nicht lachen? Das ist meine Medizin, das nehme ich täglich dreimal, ich lache über mich, scheibchenweise und dunkelgrau. Solltest du auch tun.

Was sagst du da? Nein. Tod war niemals eine Lösung, Tod ist das Ende! Bitte nicht so dramatisch. Das passt gar nicht zu dir. Zukunftslos?
Warum zukunftslos? Entschuldige, dass ich darüber schmunzeln muss. Du spielst dir doch selbst etwas vor, du bist Hauptdarsteller und Publikum in einer Person, stehst auf der Bühne und sitzt gleichzeitig im Parkett. Dieser Beifall ist aber nicht von Dauer, das ist doch wohl klar. Irgendwann buhst du dich selber aus. Alles dreht sich, nichts bleibt so, wie es ist. Panta rhei, sagten die alten Griechen. 

        Momente des Lebens stehen nur scheinbar still, sie laufen unaufhörlich weiter. Ich kenne das doch, du solltest das doch auch wissen, wie es seinerzeit ablief, du warst doch einer der Hauptakteure.
Ach, du hast das abgehakt? So, so. Und nun verlangst du dasselbe von mir, ja?
Vergeben? Doch, vergeben habe ich dir schon lange. 
Das heißt aber noch lange nicht vergessen. Vergiss du bitte nicht: Wunden verheilen, aber Narben bleiben zurück. Schmerzen kann man betäuben, Gefühle unterdrücken, was bleibt davon übrig?
Hass, meinst du? Nein und abermals nein! Ich hasse niemand! Ich kann nur nicht verstehen und würde es doch so gern.
Es bleibt Enttäuschung, tiefe Enttäuschung. In einer Welt von Trümmern versuche ich, ein heiles Haus zu finden. Ich suchte vergebens, aber irgendwo war da da ein Dach, ohne Wände, ohne Türen, ohne Fenster. Ein Schutz vor der Dunkelheit des Lebens.
Du hast recht, vielleicht ist es ein sinnloses Beginnen?

       Es ändert sich nichts. weil wir uns nicht ändern. Emotionale Pausen einlegen, das sind Versuche am untauglichen Objekt; das heißt doch nur aufgeschoben, aber nicht aufgehoben! So bleibt also kein Weg zu einer Lösung. Alles bleibt im Fluss, lass die Zukunft raten, die Vergangenheit ist nicht heilbar.