Die Abreise

Hohnst_057Sie unterhielten sich schon in der blauen Frühe, als die Sonne über den nebligen Weiten ihre ersten Schritte in den Morgen begann. Und immer wieder ging es nur um ein Thema, die bevorstehende Reise. Jeder fragte - und meist waren es die ständig gleichen Fragen: »Wann geht es los? Wann starten wir? Gibt es immer noch keinen Termin?«
         Die Älteren lächelten weise, schüttelten auch so manches Mal ihre Köpfe über die Ungeduld der Jungen. Diese wiederum konnten es einfach nicht abwarten, sie versuchten die Wartezeit mit kleinen Spielchen zu überbrücken. Das beliebteste Spiel war dabei das Fangen in verschiedensten halsbrecherischen Variationen. Das hatten die Kleinen schon von Beginn an als ihren liebsten Zeitvertreib auserkoren, schärfte es doch all die Sinne, die sie für das Überleben in der freien Natur brauchten.
         In kleinen Gruppen saßen sie nun schon einige Tage beieinander, diskutierten dabei heiss über Dinge, von denen sie zwar gehört hatten, aber nicht das Geringste wussten.
   »Wir reisen übers Meer!« sagte die kleine Milva, »da soll es ganz schön gefährlich sein.«
»Ja«
, meinte der vorlaute Moritz, »und wenn man da nicht genug Kraft hat, wird man einfach aufgefressen!«
»Du spinnst ja!« 
Ricardo, der kleinste in der ganzen Schar mischte sich ein. »Wer bitte soll uns denn da etwas tun? Da ist doch nur Wasser?«
Milva schüttelte ihr Köpfchen. »Wasser kann ganz schön hart sein, habe ich gehört. Auf der Hallig, von der ich komme, habe ich es auch mitgekriegt, mein Bruder hat es ausprobiert!«
»Du hast einen Bruder? Wow. Aber ist ja klar, einer allein kann ja auch nicht so dumm sein, nicht?«
Eddi, das Großmaul sah sich beifallheischend um. Aber er sah keine Zustimmung in der ganzen Schar. Da fand er es doch besser, so zu tun, als ginge ihn das Ganze nichts an.
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        Milena, die Älteste in der Runde, richtete sich auf und gebot der ganzen Schar, dass sie still werden sollten. Dann schaute sie jeden Einzelnen in der Runde ruhig und unaufgeregt an.
»Ich möchte Euch nun bitten, bereit zu sein! Zu unserer Reise nun noch einige Einzelheiten:
Sie wird etwa sechs Wochen dauern. Wir ziehen über Frankreich und Spanien nach Marokko, überqueren dann die große Sahara und überwintern im tropischen Afrika. Wir fliegen nur am Tag - in geringer Höhe - und legen täglich etwa 320 Kilometer zurück. In der Nacht sammeln wir uns an unseren Schlafplätzen in Schilfgebieten.
         Da wir uns bekanntlich von Fluginsekten ernähren, brauchen wir keine Fettreserven, sondern können die Nahrung unterwegs aufnehmen. Leider verhungern dennoch viele von uns auf dem Zug. Also immer etwas essen, wenn die Möglichkeit da ist! Ich selbst bin diese Tour schon 15 Mal geflogen - ihr seht, mir gehts noch gut.
Also Freunde: In wenigen Augenblicken wird der große Zug vorbeikommen. Wir werden uns da anschließen und ohne Gedränge und Aufregung einfügen. Bleibt bitte beieinander!
Und der große Vater möge uns auf unserem langen Weg beschützen!«